Deutscher Pflegerat: Deutschland braucht Pflegekammern

aus Pflegepositionen 2/2018 des Deutschen Pflegerats e.V. Bundesarbeitsgemeinschaft Pflege- und Hebammenwesen

Gemeinsam mehr erreichen

Trotz schwieriger Arbeitsbedingungen sind die Mitarbeiter in der Pflege kaum organisiert. Das ist eines der wesentlichsten Ergebnisse einer Studie von Prof. Dr. Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel, Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) (siehe S. 64). Was fehle, seien u. a. ein kollektives Selbstverständnisses und eine kollektive Selbstorganisation. Nur so könne der Pflegeberuf aufgewertet werden. Ein Teufelskreis, sagt der Wissenschaftler weiter, denn den Gewerkschaften fehle die betriebliche Machtbasis und sie werden als Akteure der Pflege kaum erkannt. Das sind interessante Einblicke, die eines ganz deutlich zeigen: Deutschland braucht Pflegekammern und eine Bundespflegekammer als gemeinsame starke Vertretungen der professionell Pflegenden, aber auch starke Gewerkschaften. Die Kammern haben die Werkzeuge und die Möglichkeiten, Weichenstellungen für die professionell Pflegenden zu stellen. Das ist ein ganz entscheidender Punkt, der für die Kammern mit ihrer klaren pflegeberufspolitischen Positionierung spricht. Berechtigte Forderungen werden dadurch deutlicher. Wir bestimmen mit ihnen die Grundlagen unseres pflegerischen Handelns selbst. Für die Patienten bedeutet das die Gewährleistung einer hohen Qualität der Pflege. Ziel ist es, eine gute pflegerische Versorgung der Gesellschaft mit kompetenten und zufriedenen Pflegefachpersonen sicherzustellen. Dafür brauchen wir die Kammern, aber auch Gewerkschaften. Gemeinsam wäre man ein starkes Team. Gründe genug, es zielorientiert für die professionell Pflegenden zusammen anzugehen.

Irene Maier Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR)

und

Wohltätig oder professionell?

Pflegende sind kaum organisiert Pflegekräfte in Deutschland sind kaum organisiert. Die wenigsten sind Mitglied in einer Gewerkschaft. Nur eins von zehn privaten Pflegeheimen hat einen Betriebsrat. Dabei gebe es viel, für das es sich zu kämpfen lohne, weist Prof. Dr. Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel, Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), hin. So wünsche sich die Mehrheit der Beschäftigten in der Altenpflege weniger Zeitdruck, mehr Gehalt und selbstbestimmtere Arbeitszeiten. Warum die Interessenvertretung in der Wachstumsbranche Altenpflege bislang so schwach ausgeprägt ist, hat Schroeder jetzt untersucht. Für seine Studie befragte er bundesweit 750 Beschäftigte in der Altenpflege. Pflege in der Tradition eines „Liebesdienstes“ Die Ursachen, warum sich Altenpflegerinnen und Altenpfleger nicht organisieren, seien vielfältig, so der Wissenschaftler. Die Alten- und Krankenpflege stehe noch immer in der Tradition eines wohltätigen „Liebesdienstes“. Dieses Denkmuster mache es schwer, aus Pflegejobs normale Arbeitsverhältnisse zu machen und gemeinsam Rechte einzufordern, erläutert Schroeder. Das würden auch die Antworten der Befragten zeigen: Knapp 70% sagten, sie erhielten die Wertschätzung für ihre Arbeit von den Patienten, aber nur 20% gaben an, dass ihre Arbeit von der Gesellschaft sehr geschätzt werde. Zu streiken bedeutet für 77% der Befragten, ihre Patienten im Stich zu lassen. Die Branche sei stark zerklüftet. Die Ausbildung sei nicht einheitlich. Viele gelangten über Umwege in die Altenpflege und übten hier ihren Zweit- oder Drittberuf aus. Die Unterschiede bei Entlohnung, Arbeitsumfang und beruflicher Verweildauer seien entsprechend groß, mahnt Schroeder weiter. Das erschwere die Herausbildung eines kollektiven Selbstverständnisses, wie es zum Beispiel in der Industrie existiere. Dieses werde jedoch neben einer kollektiven Selbstorganisation benötigt. Nur so könne der Pflegeberuf aufgewertet werden, so der Wissenschaftler weiter. Gewerkschaften fehlt die Durchsetzungskraft Eine wirksame Durchsetzung von Interessen scheitere aber nicht nur daran, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der Altenpflege bislang keine kollektiven Arbeitsbeziehungen entwickelt haben. Denn neun von zehn Pflegekräften sehen nicht den Arbeitgeber, sondern den Staat in der Verantwortung für die Verbesserung ihrer Arbeitssituation. Gewerkschaften werden dabei als Akteure der Veränderung kaum erkannt. Gerade weil ihnen die betriebliche Machtbasis fehle, könnten die Gewerkschaften dann tatsächlich wenig bewirken. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt Schroeder abschließend.

 

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